„Sucht gehört zu unserer Gesellschaft. Sie ist eine Realität wie Flucht und Umweltzerstörung.“

Wenn sich einer in der Suchthilfe auskennt, dann ist es Norbert Wittmann. Er ist geschäftsführender Vorstand von Mudra e.V., einer alternativen Jugend- und Drogenhilfeorganisation in Nürnberg. Wittmann baute die Jungendhilfeabteilung des Vereins auf und leitete sie viele Jahre. Als Gastdozent hielt er Vorlesungen für Substitutionsbehandlung, entwickelte und leitete mehrere Bundesmodellprojekte für innovative Drogenarbeit und er ist Co-Autor der 2016 erschienenen „S3-Leitlinie zu Methamphetamin-bezogenen Störungen“. Norbert Wittmann spricht unter anderem darüber, warum die alleinige Kriminalisierung von Suchtkranken mehr Probleme schafft als löst und warum das Verständnis von Sucht eine zentrale Rolle, bei der praktischen Umsetzung von Drogenpolitik spielt.

GPDPD: Warum ist die Arbeit von Mudra e.V. wichtig?

 

Norbert Wittmann: Das Mudra-Motto lautet: nah dran! Neben den praktischen Hilfeleistungen verstehen wir uns als Sprachrohr von Betroffenen. Im täglichen Austausch stellen wir uns und unsere Arbeit auf die Probe, überprüfen Passgenauigkeit und Bedarfsabdeckung und entwickeln neue Methoden, neue Ansätze. Dies ist ein großer Teil unserer Motivation und Befriedigung. Mudra hat über die Jahre ein nahezu lückenlos verzahntes Versorgungsnetzwerk für die Region etabliert, welches Betroffenen und Angehörigen zu jeder Phase schnelle und abgestimmte Hilfen bietet. Alles unter einem Dach bedeutet kurze Wege, vertraute Partner und ermöglicht dadurch effektive und nachhaltige Entwicklungen für die Menschen. Gleichzeitig ist Suchtarbeit ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag: Junge Menschen brauchen Aufklärung und Informationen; Betroffene brauchen professionelle Überlebenshilfen bis Ausstiegs- und Integrationshilfen, Angehörige brauchen Begleitung; Nachbarn, Gewerbetreibende und öffentliche Räume brauchen Sicherheit durch funktionierende Anlaufstellen; Arbeitgeber brauchen Hilfe beim Erhalt von Arbeitskräften; Polizei und Rechtsstaat brauchen Entlastung für kapitale Herausforderungen; Politik braucht Anstöße und Gewissheit, öffentliche Gelder sinnbringend einzusetzen; Gesellschaft braucht ein Verständnis, um mit „Abhängigkeit“ klug umzugehen und ihren Kindern die richtigen Impulse zu vermitteln.

© mudra e.V.
© mudra e.V.

Was verstehen Sie unter Schadensminimierung (Harm Reduction) und wie setzen Sie diese in der Praxis um?

 

Unter Schadensminimierung verstehen wir die Summe aller Maßnahmen, die dazu dienen, Schaden von Drogenkonsument*innen fern zu halten, beziehungsweise zu minimieren. Von Beginn an haben wir Heroinkonsument*innen Spritzen ausgegeben, was damals noch einen Gesetzesverstoß war. Letztlich hat es eines AIDS-Virus bedurft, bis klassische Schadensminderungsangebote flächendeckend Anerkennung fanden. Schadensminimierung wird heute weitaus komplexer interpretiert als in diesen frühen Tagen. Natürlich sind Methoden, die sich auf Konsumformen und unterschiedliche Drogen orientieren, zentral, wie Spritzentausch, Rauchfolien, Ziehröhrchen, Aktiv-Filter. Auch geht es nach wie vor um die Vermeidung von Krankheitsübertragungen, etwa Hepatitis oder AIDS, wozu Kondome und Safer-Use-Strategien gehören. Wir vermitteln alternative Applikationsformen, die weniger schädlich sind und Übertragungswege verhindern. Schadensminimierung sehen wir darüber hinaus jedoch breiter und beziehen gezielt Maßnahmen mit ein, die das Umfeld, die Familien, Partner*innen und Kinder, aber auch das Setting der Betroffenen mitbedenken. Schadensminimierung ist für uns im Besonderen eine Methodik zu Vertrauensbildung und Kontaktherstellung von Konsumierenden.    

 

Wie sieht die tägliche Arbeit von Mudra e.V. aus?

 

Bunt und vielfältig! Unser Ziel ist es, in allen Lebenslagen – von der Streetwork bis zur Nachsorge – nah bei den Menschen zu sein und gemeinsam deren Bedürfnisse zu erkennen und Angebote zu generieren, diese auf alternative und gesunde Weise befriedigt zu bekommen. Drogenkonsum hat immer mit Bedürfnissen zu tun, die nicht befriedigt werden.

 

Falls sich das sagen lässt: Mit welcher Personengruppe arbeiten Sie am häufigsten zusammen?

 

Schwerstabhängige sogenannter harter Drogen waren von Beginn an im Fokus unserer Arbeit und natürlich liegt uns diese Zielgruppe weiterhin sehr am Herzen. Über die Jahrzehnte haben sich aber sowohl die Gesellschaft als auch das Angebot von Suchtstoffen und die Zielgruppen ausdifferenziert. Wir versuchen heute möglichst alle Betroffenen, egal welchen Alters, welcher Nation, welchen Geschlechts und welcher illegalen Substanz mit Angeboten zu erreichen. Darüber hinaus ist es uns wichtig, zu jeder Phase des Konsumverlaufs Unterstützung zu ermöglichen. Noch viel mehr würden wir gerne im Bereich vor und zu Beginn des Konsums anbieten. Leider ist gezielte Prävention aufgrund komplizierter Zuständigkeiten nur sehr schwierig zu finanzieren. Dabei kann Hilfe dort besonders viel erreichen, wo sie frühzeitig möglich ist. 

 

Welchen positiven Beitrag für betroffene Personen können Sie leisten? Was sind erfolgreiche Beispiele Ihrer Arbeit?

 

Der Erfolg unserer Arbeit beginnt beim Vermeiden von Sucht, beim Sichern von Überleben, beim Verhindern von Folgeschäden. Wir begleiten Menschen zu jeder Phase und versuchen, sie positiv zu unterstützen. Da ist viel Erfolg in unserer Arbeit möglich, von den ganz kleinen täglichen Schrittchen bis hin zur Entwicklung neuer Lebenskonzepte. Die Chance dazu hat nur, wer überlebt, und dort setzt unsere Arbeit an. Niemand soll dabei aufgegeben werden, das habe ich immer wieder gelernt. 

© mudra e.V.
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Gab es für Sie persönlich einen konkreten Anlass, dass Sie die Arbeit begonnen haben? Was ist bis heute Ihre Motivation?

 

Die Möglichkeit, zu gestalten, sich und seine Ideen „ausprobieren“ zu dürfen, ist für mich die größte vorstellbare Motivation. Jetzt als geschäftsführender Vorstand der Mudra e.V. ist es mir ein Anliegen, diese Möglichkeiten meinen Mitarbeiter*innen zu bieten. Ich treffe dabei auf ein hoch komplexes und unübersichtliches Gewirr aus Zuständigkeiten, in denen nicht nur Betroffene zwischen den Systemen verloren gehen. Eine Schwerfälligkeit hat sich hier Raum geschaffen und verhindert schnelle und bedarfsgerechte Innovationen, wie bei Themen der Digitalisierung oder Prävention. Auch dies motiviert mich: den Finger in die Wunden zu legen, um in der Sozialarbeit einen flexibleren und schnelleren Aktionsrahmen zu ermöglichen.

 

Bekommen Sie Widerstände in Ihrer Arbeit zu spüren? Sehen Sie sich mit Vorurteilen konfrontiert?

 

Die Anerkennung unserer Arbeit im Freundes- und Bekanntenkreis ist hoch, dort wo wir helfen ebenso. Drogenabhängigkeit ist aber nicht „schön“ und macht vielen auch Angst.

Zuschreibungen wie „selbst schuld!“, dieses historisch entstandene, hartnäckige Vorurteil schafft Widerstände und Ablehnung für unserer Arbeit, vor allem aber für unsere Klient*innen. Befeuert wird diese Haltung durch eine Rechtsprechung, die Drogenkonsum in legal und illegal teilt. Somit entsteht eine Zweitklassigkeit und die Illegalität suggeriert per se die Schuld der einen und die Unschuld der anderen. Dies ist suchtwissenschaftlich kompletter Unsinn, hat aber für die Betroffenen und deren Angehörige negative und stigmatisierende Auswirkungen. Dabei ist Abhängigkeit seit mehr als vierzig Jahren eine weltweit anerkannte Krankheit.

 

Drogenpolitisches Engagement kann nur gemeinsam funktionieren. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen?

 

Informationen müssen von der Basis bis in die hohen Entscheidungsebenen transportiert werden, um bedarfsgerechte Entwicklung und Fortschritt zu ermöglichen. Es ist wichtig, dass wir das Wissen und die Erfahrungen der unterschiedlichen Wissenschaften und Tätigkeitsfelder teilen und voneinander lernen. Davon profitieren unsere Klient*innen. Geschichtlich betrachtet hat die Medizin nach wie vor einen hohen Stellenwert, gilt Abhängigkeit doch als Krankheit. In Deutschland gibt es zahlreiche Kooperationen und Netzwerke, regional und überregional; beides ist wichtig. Regionen, Städte, Kommunen und Länder haben unterschiedliche Herausforderungen und die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Umstände unterscheiden sich. Alles in allem ist unser Sucht- und Drogenhilfesystem äußerst komplex und differenziert bezüglich des rechtlichen und finanziellen Rahmens, Zuständigkeit und Finanzierung. Daher ist es wichtig, auf allen Ebenen aktiv zu sein, auch drogenpolitisch und öffentlich. Öffentlichkeit und Gesellschaft sind letztlich auch der Adressat von Sozialarbeit, direkt über die Hilfeangebote oder indirekt dadurch, dass soziale Problemfelder abgefedert werden und somit die Belastung für die Gesellschaft reduziert wird. An dieser Stelle ist sicherlich noch sehr viel zu tun. Anderswo in Europa und der Welt gelingt es sehr viel besser, Sozialarbeit in ihrem Nutzen für die Gesellschaft darzustellen und damit auch eine entsprechende Wertigkeit zu erzielen. Gelingende Sozialarbeit ist nicht nur für die Betroffenen von hohem Wert, sondern auch für die Gesellschaft. Abhängigkeiten verursachen in Deutschland jährlich einen Schaden im dreistelligen Milliardenbereich.

© mudra e.V.
© mudra e.V.

Hat sich die Sicht auf und der Umgang mit Menschen, die Drogen konsumieren, gewandelt?

 

Illegale Drogen haben eine andere Akzeptanz als vor zehn oder zwanzig Jahren. Dies gilt insbesondere für sogenannte weiche Drogen, aber auch für Party- und Leistungsdrogen. Die Gesellschaft verändert sich und die Konsumkultur mit ihr. Drogenkonsum erfährt weitaus differenzierte Motivationslagen, was auch entsprechend aufgefächerte Hilfs- und Beratungsangebote erfordert. Neben den klassisch betäubungsbedürftigen Abhängigen erleben wir eine Spaß- und Leistungskultur, in der es um Selbstvermarktung, Entertainment und Pushen von Limits geht. Zugleich halten sich die Vorurteile, die in Drogenabhängigkeit keine behandlungsbedürftige Krankheit sehen, sondern eigenes Verschulden und damit Hilfen und Reintegration erschweren. Drogenarbeit ist immer auch ein Ringen um Öffentlichkeit, um Verständnis und den Abbau von einfachen Schubladen.

 

Inwiefern werden deren Bedürfnisse in Ihrer Arbeit eingebunden?

 

Für uns sind die Auseinandersetzung und der Dialog auf allen Ebenen wichtig. Niemandem ist damit gedient, sich abzuwenden, bis plötzlich eine eigene Betroffenheit entsteht. Drogenabhängigkeit ist immer noch ein schambesetztes Thema und wird häufig tabuisiert. Sucht gehört zu unserer Gesellschaft, sie ist eine Realität wie Flucht und Umweltzerstörung. Dies alles kann man weder verbieten, noch durch Bestrafung oder Ausgrenzung eliminieren. Sucht ist stets ein extremes Drama für Betroffene und deren Angehörige, und nur im Zusammenwirken aller Kräfte kann man suchtkranken Menschen helfen, sich zu stabilisieren und im besten Fall aus der Abhängigkeit zu finden. Hilflos ist man, wenn man alleine ist.

 

Wie kann eine Zusammenarbeit mit anderen Ländern, wie beispielsweise Ihr Einsatz in Thailand von Ihren Erfahrungen profitieren? Und was haben Sie von dem Austausch mit Thailand für sich und Ihre Arbeit mitgenommen?

 

Fasziniert hat mich persönlich mit welcher Disziplin und Tatkraft die Drogenpolitik dort von rechts auf links gedreht wird. Das ist sicherlich der Not geschuldet, aber dennoch beachtens- und begrüßenswert. Wir sind auf allen Ebenen einem enormen medizinischen und psychiatrischen Knowhow begegnet und konnten Entwicklungen erkennen, die den unseren teilweise voraus sind. Die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen auf den Weg gebracht werden, nötigt einen tiefen Respekt ab. Interessant war dabei zu beobachten, dass diese Geschwindigkeit sowie die Richtungsänderung der Politik von großen Teilen der Bevölkerung nicht verstanden und folglich kritisiert und abgelehnt werden. Wenn jahrzehntelang Drogenkonsum mit drakonischen Strafen belegt wurde, ist es schwer zu verstehen, weshalb nun Hilfezentren bezahlt und Schadensminimierung betrieben werden. Paradoxerweise sind aber Abhängigkeit und Suchtverhalten weit verbreitet und viele Familien davon betroffen. Es fehlt auf breiter Linie an Aufklärung und Information der Bevölkerung. Auch die ersten wenigen Versuche von Prävention lassen erkennen, dass traditionelle Haltungen und ein Schwarz-Weiß-Denken einen hohen Einfluss ausüben. Sowohl in Deutschland als auch in Thailand spielt die innere Haltung, das Menschenbild, das Verständnis von Sucht eine zentrale Rolle bei der praktischen Umsetzung der Drogenpolitik und Strategie. Die Auseinandersetzung mit der Drogen- und Suchtpolitik in einem fremden Land fordert zwangsläufig die Auseinandersetzung mit den heimischen Suchthilfestrategien und der Angebotsvielfalt. Dies ist ausgesprochen gewinnbringend für uns, da im Alltag der täglichen Herausforderungen dafür selten Raum und Zeit ist. Hier wie dort liegt der Fokus auf medizinischer und psychiatrischer Hilfe und der Zielansatz auf Abstinenz, in Thailand noch sehr viel mehr als bei uns. Sucht ist aber äußerst komplex und eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung; neben Medizin und Psychiatrie benötigt es Prävention, Sozialraumgestaltung, Sozialarbeit, Familienhilfe, Arbeit, Pflege und vieles mehr. In diesen Diskurs die Stimme und die Bedarfe der betroffenen Menschen einzubringen, ist der wichtige und wertvolle Beitrag, den Mudra e.V. leisten kann, in Thailand wie in Deutschland. Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit.

 

Welche Veränderungen erhoffen Sie sich für die Zukunft? Was ist hierfür notwendig?

 

Ein Suchtbekenntnis ohne Wertung. Illegale Drogenkonsumierende dürfen nicht anders behandelt werden als Konsumierende anderer Substanzen. Dies schafft nur Ausgrenzung, kostet enorm viel Geld und Ressourcen, erschwert die Reintegration und vieles mehr. Wir alle konsumieren Drogen und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist künstlich und schädlich. Ein Vertrauen in die Menschen und professionelle frühe Prävention können helfen, den Schaden durch Abhängigkeit deutlich zu reduzieren. Drogen sind nicht böse, aber man muss lernen, damit umzugehen, so wie dies zum Beispiel der absoluten Mehrheit der Alkoholkonsumierenden gelingt. Niemand der mit seinem Leben weitgehend zufrieden ist, würde seine Existenz auf Spiel setzen. Drogen sind nicht das Problem, sie werden aber missbraucht, um Probleme zu lösen. Wir wären alle gut beraten, wenn wir den Fokus weg von den Substanzen und hin auf die Probleme, Bedürfnisse und Problemlösungskompetenzen richten. Dort liegt der Schlüssel. Zufriedenheit ist der beste Schutz vor Abhängigkeit, gerade wenn die Verlockungen immer diffiziler und vielfältiger werden. Konzentrieren wir uns darauf, zu erkennen, was es für persönliche Zufriedenheit wirklich braucht und was wir alle dafür tun können.

Über Mudra e.V.

 

Mudra – Alternative Jugend- und Drogenhilfe e.V. in Nürnberg ist mit ihren mehr als 40 Jahren eine der ältesten Suchthilfeeinrichtungen Deutschlands. Der Verein verfolgt einen akzeptierenden Ansatz, der ein breites Spektrum an ambulanten und stationären Angeboten umfasst: von der Beratung Betroffener und deren Angehöriger über Prävention, Streetwork, Betreuung und Substitutionsbegleitung, bis hin zu therapeutischen Hilfen, Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten, die ins Berufsleben zurückführen sollen. Dabei möchte Mudra e.V. die Drogenproblematik des Einzelnen und der Gesellschaft vermindern und Betroffenen dabei helfen, ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben zu führen.