Geschichten aus Peru

In Perus traditionellen Kokaanbaugebieten versuchen Kleinbäuerinnen und -bauern aus der Abhängigkeit vom Kokaanbau auszubrechen und auf legale Produkte wie Kakao oder Kaffee umzusteigen. Projekte der Alternativen Entwicklung wie ein vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziertes UNODC-Projekt zur Bekämpfung des Drogenanbaus unterstützen sie dabei. Die Journalistin Hildegard Willer sprach 2018 im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit Bäuerinnen und Bauern darüber, wie sie den Wandel in ihren Dörfern erleben und mitgestaltet haben. Die Fotos machte Leslie Searles.

Die Bürgermeisterin

© GIZ / Leslie Searles
© GIZ / Leslie Searles

Wenn Silvia Iparraguirre morgens die Einladung zum Frühsport im Radioprogramm hört, das aus der Provinzhauptstadt übertragen wird, schmunzelt sie. „Ich brauche hier keinen Frühsport“, sagt die 48-Jährige. „Ich gehe jeden Tag auf meine Kakaoplantage, das ist Sport genug.“

 

Zügig geht die schlanke Frau mit den grünen Augen und blonden Locken einen Feldweg aus dem Dorf hinaus. Ihr Vater sei italienischer Abstammung gewesen, erklärt sie die für die Gegend unübliche Augen- und Haarfarbe. Bei einem Reisfeld biegt sie rechts ab, dann geht es eine Böschung hinab an einen Fluss. Geschickt balanciert Silvia in ihren Gummistiefeln und mit der Machete auf dem rutschigen Boden. Zwei Anhöhen weiter und Silvia ist bei ihrer Kakaoplantage angekommen. Die Hitze und der Schlamm scheinen der sportlichen Silvia nichts auszumachen, so behände findet sie ihren sicheren Tritt auf dem schmalen schlammigen Pfad.

 

Der Kakao ist für Silvia und ihren Mann nicht einfach ein Produkt. „Der Kakao ist unser Schatz“, sagt Silvia und zeigt auf die niedrigen Bäume, an denen große Kakaofrüchte hängen, gelbe, blutrote und schon fast bräunliche Früchte, die in Form und Größe einer Papaya-Frucht ähneln. Die Schale ist allerdings erheblich härter als bei einer Papaya. Silvias Mann Angel schlägt mit der Machete die Früchte auf, Silvia pult die „baba“ heraus. „Baba“, so nennt sich das Fruchtfleisch der Kakao-Bohne, ein weißes, flauschig aussehendes Mus, das jede Kakaobohne einhüllt. Die frischen Kakaobohnen sehen darin aus wie riesige Schneeflocken, oder wie ein großes weißes Bonbon. Silvia Iparraguirre steckt sich eine der „Babas“ in den Mund. „Das ist eine CCN 51, etwas säuerlich“, kommentiert sie sachkundig und lutscht das Fruchtfleisch weg, bis der braune Kakaosamen hervorkommt. Die CCN 51 ist die gebräuchlichste Kakaosorte, sie ist sehr widerständig und wächst gut. Aber sie ist eben auch etwas säuerlich. Für den Export nach Europa ist die Sorte nicht geeignet, mit der Bohne wird vor allem Kakaobutter hergestellt; der Preis, den die Bauern damit erzielen, ist niedrig.

 

Silvia und Angel setzen inzwischen auf die Gourmet-Sorten, den sogenannten „Cacao Fino Aromático“ – „feine aromatische Kakaobohnen“. Sie geben zwar nicht ganz so viele Früchte, aber haben einen höheren Marktwert. „Da, diese baba müsst Ihr probieren“, schwärmt sie und hält den Umstehenden eine mit weißem Fruchtfleisch umhüllte Kakaobohne hin. Die unterscheidet sich äußerlich nicht von der CCN 51, schmeckt aber tatsächlich viel süßer.

 

Silvia und ihr Mann Angel pflanzen Gourmet-Kakaobohnen an, seit ihre vor einem Jahr gegründeten Kakao-Kooperative „Colpa de Loros“ einen Abnehmer in Frankreich gefunden hat, der ihnen die ganze Produktion abkauft und daraus exquisite Markenschokolade herstellt. „Der Kakao ist wie ein Baby, du musst dich ständig um ihn kümmern“, sagt Silvia. Da ihr Mann Angel oft als Holzfäller auswärts arbeitet, hat Silvia von dem durch Deutschland finanzierten UNODC-Projekt alles gelernt, was man für den Kakao-Anbau braucht: Bäume beschneiden, veredeln und düngen – alles mit rein biologischen Methoden. Ihr Land ist auch bio-zertifiziert, eine Vorbedingung für den Verbleib in der Kooperative. Vier Jahre hat es gebraucht, bis die Kakaobäume dieses Jahr erstmals Rendite abwarfen. Rund 800 Euro haben sie bisher mit dem Kakao eingenommen, „aber wir stehen erst am Anfang“, ist Silvia überzeugt – denn Kakaobäume erreichen ihre volle Produktivität erst nach dem fünften Jahr.

 

Silvia wohnt mit ihrem Mann Angel und ihrem 22-jährigen Sohn im Weiler Nolberth, gut eine halbe Stunde Autofahrt abseits der Fernstraße in die Provinzhauptstadt Pucallpa. Nolberth wurde erst vor 16 Jahren gegründet, angeblich von einem Deutschen mit Namen „Norbert“, der hier eine Feriensiedlung bauen wollte, den Ort auf seinen Namen ins Grundbuch eintragen ließ und dann auf Nimmerwiedersehen verschwand. Nur der etwas verhunzte Name – Nolberth – ist von ihm geblieben. 600 Menschen leben heute in dem Weiler. Viele sind aus anderen Landesteilen vor dem Bürgerkrieg hierher geflüchtet, um sich mit Koka ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

 

Auch Silvia und Angel haben eine leidvolle Geschichte hinter sich. Silvias Mutter wurde vom Terror des in den 80er und 90er Jahren in Peru aktiven „Leuchtenden Pfad“ umgebracht, und Silvia musste „nur mit dem, was ich anhatte“ ihre Heimat im benachbarten Departement San Martin verlassen. Studieren oder eine Ausbildung machen, das war nicht drin. Silvia musste als Älteste für ihre fünf jüngeren Geschwister sorgen. Ihr schweres Schicksal sieht man Silvia Iparraguirre nicht an. „Ich klage nicht“, sagt sie gelassen. „Dafür habe ich heute im Kakao einen Schatz gefunden.“

 

Auf der Suche nach einem neuen Zuhause ließen sich Silvia und ihr Mann Angel in Nolberth nieder. Zuerst bauten sie, wie alle im Dorf, Koka an. Aber Koka brachte wieder dieselbe Gewalt mit sich, der sie ja entfliehen wollten. Als die peruanische Regierung vor 6 Jahren die letzten Kokapflanzen entlaubte und ausriss, waren Silvia und Angel mehr als bereit, anstatt auf Koka nun auf Kakao zu setzen.

 

16 Jahre leben sie schon hier – und Silvia hat es zur „agente municipal“, zur Ortsvorsteherin von Nolberth gebracht. „Als erste Frau“, sagt sie stolz. Wichtig dafür seien die Gender-Kurse gewesen, die ihnen die Ingenieurin vom Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (United Nations Office on Drugs and Crime, UNODC) vermittelt habe. Als Auflage der deutschen Finanzierung ist die Gender-Komponente von Anfang an im Projekt mitgedacht und war wesentlich dafür, dass heute eine Frau dem kleinen Ort vorsteht. „Bei unseren ersten Versammlungen nahmen die Frauen des Dorfes gar nicht teil oder saßen ganz hinten im Raum“, erinnert sich Projektleiter Ernesto Parra. „Wir holten die Frauen dann bei den Versammlungen nach vorne, eine Strategie unserer Gender-Komponente.“ Dank dieser Erfahrung organisierten die Frauen des Dorfes ein sogenanntes „Damenkomitee“, dessen Präsidentin Silvia Iparraguirre wurde. „Denn was können die Männer, was ich nicht auch kann?“, fragte sich Silvia Iparraguirre und sagte ja, als ihr Vorgänger im Amt sie fragte, ob sie sich zur Wahl stellen würde.

 

Silvia wurde gewählt und verhandelt nun mit den Behörden die Geschicke ihres Dorfes. Zu Beginn hätte ihr so mancher Mann die Gefolgschaft verweigert, aber inzwischen habe sie Autorität gewonnen und käme gut mit den Männern in ihrem Gemeinderat zurecht. Ihr Mann Angel ist sogar stolz auf seine Frau: „Früher, mit dem Koka-Anbau, gab es viel Machismo, der Mann brachte das Geld nach Hause und sagte, hier bestimme ich.“ Das sei mit dem Kakao viel partnerschaftlicher geworden, weil die Paare gemeinsam den Kakaohain pflegen und den Erlös mit harter Arbeit gemeinsam erwirtschaften.

 

Ihr Büro hat sie zu Hause – am hölzernen Küchentisch steht ihr Büchlein, in das sie ihre Termine und Vermerke notiert, gleich dahinter ist die Spüle. Silvias wichtigstes Arbeitsinstrument als Ortsvorsteherin ist das Handy. Zwei davon liegen direkt am Fenster. Leider gibt es nur an einigen Punkten in Nolberth Empfang. „Wenn ich mich aus dem Fenster lehne, dann klappt es meistens.“

 

Bisher gibt es in Nolberth noch kein fließendes Wasser in den Häusern – alle holen ihr Wasser aus zwei öffentlichen Brunnen. Das möchte Silvia Iparraguirre in ihrer Amtszeit erreichen: dass die Häuser fließendes Wasser bekommen und das Dorf eine gute Sekundarschule. Noch vor wenigen Jahren hatte die Schulbehörde geleugnet, dass es in Nolberth überhaupt schulpflichtige Kinder gäbe. Silvia Iparraguirre konnte dies beim Schulamt richtigstellen und kämpft nun für eine anständige Sekundarschule. Auch der Feldweg zur Landstraße soll besser ausgebaut werden, sodass beim nächsten Regenfall nicht wieder ein Schlammloch draus wird.

 

„Aber es soll hier natürlich bleiben“, sagt die fröhliche Frau. „Ja nicht zu viel Zement, wie in der Stadt“. Auf dem Rückweg von ihrer Kakaoplantage bemerkt sie, dass die Kokosnüsse an einer Palme reif sind. Mit einem geübten Schlag mit der Machete holt sie die Kokosnuss herunter und schlägt ein Loch hinein, sodass man die Kokosmilch daraus trinken kann. Dann hüpft sie behände, die Machete in der einen, die Kokosnuss in der anderen Hand, den rutschigen Pfad zum Fluss hinunter, als ob es ein einfacher Spaziergang sei. Nein, Frühsport braucht Silvia Iparraguirre wirklich nicht zu machen.

Der Jungunternehmer

© GIZ / Leslie Searles
© GIZ / Leslie Searles

 

 

Das kleine Paradies des Willy González ist gut versteckt. Von der Fernstraße fährt man rund 600 Höhenmeter steil hinunter auf einer einspurigen Schotterpiste, die sich bei Regenfall in ein Schlammloch verwandelt. Nach 6 Kilometern mit dem Auto geht es zu Fuß weiter: Ein Sprung über einen Bach und zwei schlammige Böschungen weiter oben eröffnet sich auf einmal eine gepflegte Grünfläche, die von Blumen in allen Farben gesäumt ist. Darin zwei Holzhäuser. Hier wohnen Willy González und seine Mutter Epifania Enríquez. Hierher sind sie zurückgekehrt.

 

Denn um ein Haar hätte es die Kakao-Finca von Willy González nie gegeben. Als sein Vater starb, vor vielen Jahren, wollte seine Mutter Epifania das abgelegene Grundstück am Abhang des Regenwaldes verkaufen. Die Familie wohnte damals bereits in der nahen Stadt Tingo María. „Wir Kinder konnten sie gerade noch davon abhalten“, erzählt Willy González. Er ist heute 30 Jahre alt und davon überzeugt, dass seine Zukunft auf dem Land, auf seiner Finca, liegt. Dem war nicht immer so.

 

„Wir kamen als junges Paar Anfang der 80er Jahre hierher und gründeten das Dorf Ricardo Herrera“, erinnert sich Mutter Epifania Enríquez. Die heute 53-Jährige ist Mutter von drei Kindern und seit vielen Jahren Witwe. Damals ging es ums Überleben, erinnert sie sich: Selbstversorgung, mit allem, was der Wald hergab. Und natürlich die Koka. Die brachte das Geld, auch das schnelle Geld, dank mehrerer Jahresernten und der hohen Nachfrage. Drei Stunden seien sie damals auf einem nicht befahrbaren Feldweg bis zur Hauptstraße gelaufen. Aber dann kam die Spezialpolizei in das abgelegene Dorf, besprühte die Koka-Pflanzen mit einem Entlaubungsmittel und riss die Pflanzen aus.

 

„Wir hatten auf einmal nichts mehr, viele von uns verließen das Dorf“, erinnert sich Epifania. Auch die Familie Alonzo Enríquez mit dem damals 10-jährigen Willy verließ ihr Grundstück und zog ins nahe Tingo María. Dort gingen Willy und seine beiden Schwestern zur Schule. Danach aber war Schluss mit der Bildung. Ein Universitätsstudium konnte sich die Familie nicht leisten. Der junge Willy arbeitete in Aushilfsjobs, bedruckte T-Shirts für einen Freund, der eine Druckerei betrieb. Das sei aber keine Perspektive gewesen, erzählt Willy González heute. Der Unternehmergeist steckte schon damals in ihm. Er wollte etwas Eigenes anfangen. Diese Perspektive fand er auf ihrem alten Grundstück im entfernten Dorf Ricardo Herrera. Er hatte die Verbindung auch aus Tingo María nie ganz aufgegeben: Seine Onkel bewirtschafteten weiterhin ihre Grundstücke im abgelegenen Dorf und Willy half ihnen ab und zu. Zuerst baute auch Willy, wie alle in Ricardo Herrera, Koka an. Nachdem die staatliche Drogenbekämpfungspolizei die Kokapflanzen ausgerissen hatte, ließ sich Willy nur zögerlich vom Projekt der UNODC zum Alternativen Anbau überzeugen. „In Ricardo Herrera war der Kokaanbau und die damit einhergehende Gewalt besonders stark“, erinnert sich Ernesto Parra, der Leiter des UNODC-Projektes. „Es gab viel Misstrauen und anfänglichen Widerstand gegen unseren Vorschlag, statt Koka Kakao anzubauen.“

 

Ausschlaggebend für Willy war dann der Beginn des Kakao-Booms. Die weltweite Nachfrage nach Kakao stieg an und der peruanische Kakao galt als besonders hochwertig. „Vor 8 Jahren pflanzte ich zum ersten Mal an“, erinnert sich Willy González. „Ohne Kapital, nur mit meiner eigenen Hände Arbeit“. Vier Jahre dauert es, bis man eine Kakaopflanze ernten kann. In dieser Zeit zeigten die Mitarbeiter des UNODC-Projektes Willy Alonzo, wie man mit dem Anbau von Mais, Bohnen, der Aufzucht von Hühnern und Meerschweinchen diese Durststrecke überbrücken kann. Ermutigend für Willy Alonzo war es, als die erste Kakao-Ernte bereits einen kleinen Gewinn abwarf, genug, um den Jungunternehmer zu ermutigen, mehr zu investieren und ganz nach Ricardo Herrera zu ziehen.

 

Heute bewirtschaftet Willy González 6 Hektar Land mit Kakaobäumen. Die rund 5 Meter hohen Bäume stehen in genau abgemessenem Dreiecksabstand von einem Baum zum anderen. Wie wichtig der richtige Anbau ist, hat er von den Ingenieuren des Projektes der Vereinten Nationen (UNODC) gelernt. „Wenn man sie gegenläufig rund um den Hang pflanzt, dann kann man die Bodenerosion vermeiden“. Ebenso lernte er, wie wichtig das richtige Zuschneiden der Bäume ist, so dass sie das richtige Maß an Licht und Schatten bekommen. Im tropischen Regenwald wachsen die Blätter rasch zu einem dichten Blätterdach zusammen und lassen kein Sonnenlicht mehr durch. Dann würde sich darunter außerdem Feuchtigkeit ansammeln – beides ist Gift für die Kakaopflanzen. Ebenso wichtig ist das richtige Düngen. Die Hüllen der Kakaobohnen, rund 20 Zentimeter große birnenförmige Hartschalen, kompostiert Willy Gonzalez in einem dafür vorgesehenen Holzgestell. Den daraus gewonnen Dünger schüttet er in genau abgemessenem Abstand kreisförmig um den Kakaobaum.

 

Das Ergebnis: Ein blühender Kakao-Hain, mit großen roten Kakao-Früchten aus biologischem Anbau, so viele und so groß, dass man sich wundert, wie die kleinen Bäume eine solche Last tragen können. Die gelben bis rötlichen Kakaofrüchte ähneln von Form und Farbe her den Papaya-Früchten, die Schale ist jedoch hart und vielfach eingekerbt.

 

Bis zu 800 Kilo Kakao ernte er pro Hektar, sagt Willy. Bei einem Preis von umgerechnet 2,35 Euro pro Kilo kommt er damit nach Abzug der Kosten auf rund 5.200 Euro Jahresgewinn. Das ist das Doppelte eines peruanischen Mindestlohns, auf ein Jahr hochgerechnet.

 

Wenn Willy González in seinen Gummistiefeln, Jeans und dem roten T-Shirt daherkommt, dann sieht man ihm an, dass er gerne Kakaobauer ist und sich gerne in der Natur betätigt. Aber Willy González ist auch Unternehmer. Und er ist extrem wissbegierig. Zwar konnte er kein formelles Universitäts- oder Technikerstudium abschließen, aber in verschiedenen Kursen, die das UNODC-Projekt organisierte, hat er sich Kenntnisse im Pflanzenbau, Buchführung und Vermarktung angeeignet. „Früher dachte man, wenn du nichts gelernt hast, dann kannst du nur Bauer werden. Aber es ist genau umgekehrt, um erfolgreich zu sein als Bauer, musst du ständig dazulernen und dich informieren.“ Heute ist es sein Ziel, seine Kakaoproduktion zu erhöhen und eine eigene Kooperative zu gründen, mit der er seine Kakaobohnen direkt vermarkten kann. Dank der in der Region starken Kaffee- und Kakaokooperativen Naranjillo und La Divisoria hat er sich von den Vorzügen des Genossenschaftsmodells für Kleinbauern überzeugen können. Denn nur als Genossenschaft können Kleinbäuerinnen und -bauern garantierte Liefermengen erfüllen und zugleich die Kontrolle über die Vermarktung ihrer Produkte behalten.

 

Besonders stolz ist Willy González auf das neue Haus, das er selber gebaut hat. „Früher haben wir hier wie die Tiere gewohnt“, erzählt er von seiner Kindheit in Ricardo Herrera. „Alle wohnten in einem Raum, daneben die Tiere und die Scheune. Die Küche war ein dunkles, rußiges Loch. Bad oder WC gab es keines.“ Sein Gehöft besteht heute aus zwei Holzhäusern, einem alten und einem neuen, und einem abgesonderten neuen Betonhäuschen, in dem das WC und eine Dusche untergebracht sind. Diese Anschaffungen konnte Willy nur tätigen, weil er dank der Umstellung auf Kakao – angeraten und begleitet vom UNODC-Projekt – gute Ernteerlöse erzielen konnte. Im Erdgeschoss des alten Holzhauses der Familie ist heute die Werkstatt untergebracht, neben der Werkbank stehen einige Säcke. Fein säuberlich haben Willy und seine Mutter Schildchen geklebt, damit man weiß, wo alles hingehört: Macheten, Hammer, Säge auf der einen Seite, die Säcke mit Lebensmitteln auf der anderen. An der Holzwand gegenüber zeigt ein Schildchen, dass eine Treppe weiter oben die Schlafräume sind.

 

Das Glanzstück jedoch ist das neue Holzhaus, das die Küche mit Speiseraum beherbergt. Auf Holzstelzen steht das neue Häuschen, damit es vor den heftigen Regenfällen geschützt ist: Es hat eine Spüle mit fließendem Wasser, einen Gasherd und eine lange geflieste Arbeitsfläche im Küchenteil. Im anderen Teil des Zimmers laden Bänke und Stühle aus Holz zum Sitzen ein. Epifania kredenzt einen köstlichen Saft aus gekochten Bananen, „Chopo“ genannt. Vor der offenen Veranda des Esszimmers meint man, den Regenwald mit Händen greifen zu können: Grüne Bananenstauden, rote Strelizien und violette Bougainvillen wachsen aus dem Abhang hinter der Veranda hervor. Willy und Epifania müssen keine Blumenkästen anpflanzen. Sie können die Blumen mit einem Handgriff von der Veranda aus direkt pflücken.

 

Das neue Holzhaus konnte Willy Gonzalez, dank seines Einkommens aus dem Kakaoverkauf, mit eigenen Mitteln bauen. Inspiriert dazu hat ihn das Modellhaus, das die Gemeinde „Ricardo Herrera“ auf dem Dorfplatz errichtet hat und das heute als Gemeinschaftshaus dient. Die Mittel dazu hat das das UNODC-Projektteam beim „Fondo de las Américas“ beantragt. Die Gemeindemitglieder haben das Modellhaus dann in Eigenleistung gebaut.

 

Willy González ist davon überzeugt, dass das Leben auf dem Land Zukunft hat. „Früher waren wir hier abgeschnitten, aber heute haben wir einen guten Handyempfang, eine befahrbare Straße, fließendes Wasser“ – auch dies wurde durch ein Abkommen zwischen dem UNODC-Projekt und dem Distriktbürgermeister in Hermilio Valdizan ermöglicht. Der Bürgermeister verpflichtete sich darin, mit staatlichen Mitteln die Straße zum Weiler Ricardo Herrera auszubauen. Das UNODC-Projekt stellte dafür zwei Maschinen zur Verfügung.

 

Das Einzige, was auf dem Dorf noch fehlt, ist eine gute Schule. Wenn sich die Bildungsmöglichkeiten auf dem Land nicht verbessern, dann könnte dies auch Willy eines Tages dazu bringen, wieder in die Stadt zu ziehen.

 

Noch aber ist das Theorie: Willy González ist bisher Junggeselle und hat noch keine Kinder.

 

Mit seinem Optimismus hat er dagegen seine Mutter angesteckt. Sie ist zu ihrem Sohn nach Ricardo Herrera zurückgezogen, in das Dorf, das sie einst mit ihrem verstorbenen Mann mitgegründet und später verlassen hat.

 

Ernesto Parra, der Leiter des UNODC-Projektes, ist stolz auf Willy González: „Trotz seines anfänglichen Widerstands gegen die Umstellung auf Kakao ist Willy derjenige, der die Möglichkeiten unseres Projektes am besten ausgeschöpft und assimiliert hat.“

 

Willy González selbst sieht seine Zukunft in Ricardo Herrara: „Ich möchte zeigen, dass man auf dem Land gut leben kann, dass man dazu nicht mehr in die Stadt gehen muss“, bekräftigt Willy González seine Absicht, hier zu bleiben und aus seinen Kakaopflanzungen einen blühenden Betrieb zu machen.

Die Kaffeebäuerin

© GIZ / Leslie Searles
© GIZ / Leslie Searles

 

 

Wenn Moly Checya sich daran erinnert, wie sie ihren Mann überlistete, kann sich die 35-jährige Kaffeebäuerin ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Mein Mann wollte nichts von den neuen Anbaumethoden der Ingenieure wissen, er meinte, das sei nur mehr Arbeit und dann käme doch nichts dabei heraus“, erzählt sie, während sie den Kaffeehain hinter ihrem Haus hinuntergeht. „Da habe ich ihm eine Wette vorgeschlagen: Ich würde einen Teil der Parzelle mit den neuen Kaffeepflanzen bewirtschaften und er seinen Teil nach der alten Methode.“ Die alte Methode, das hieß einfach die Wurzel der Kaffeestaude in die Erde zu setzen. Die neue Methode, wie sie die Ingenieure des von Deutschland finanzierten UNODC-Projektes lehrten, war aufwändiger: Zuerst mussten die Kaffeebohnen keimen, dann eigene Setzlinge herangezüchtet werden, und erst dann konnte die Kaffeepflanze in die Erde gebracht werden. Aber es hat sich gelohnt und Moly Checya hat die Wette gegen ihren Mann haushoch gewonnen: „So schön waren meine Kaffeestauden nachher“, gerät Moly Checya noch Jahre danach ins Schwärmen. Die Pflanzen ihres Mannes hingegen seien gar nicht gewachsen. Seitdem wird in der Familie Checya-Ponce kein Wort mehr darüber verloren, wie die Kaffeestauden gepflanzt werden.

 

Die Geschichte von Moly Checya und ihrer Familie ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Anbau von legalen Produkten nicht nur einen bescheidenen Wohlstand, sondern einer ganzen Familie den Frieden und das Lachen zurückgibt.

 

Jedes Mal, wenn Moly Checya lacht, blitzt eine Silberkrone an ihrem Schneidezahn auf. Das Lachen gehört zur 35-Jährigen ebenso wie ihre langen glatten schwarzen Haare, wie ihr rundes Gesicht und die Gummistiefel, wenn sie in ihren Kaffeehain hinabsteigt. Dabei hatte Moly Checya die erste Zeit ihres Lebens wenig Grund zum Lachen.

 

8 Jahre alt war sie, als ihre Eltern sie und ihre fünf Geschwister aus der benachbarten Stadt Huánuco ins Hinterland des peruanischen Hoch-Regenwaldes brachten. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre gab es in Peru nur zwei Gründe, in den Regenwald zu gehen. Entweder man schloss sich dem „Leuchtenden Pfad“ an, einer bewaffneten Gruppe, die mit ihrer von Mao inspirierten Ideologie blutige Massaker unter Bäuerinnen und Bauern anrichtete und ebenso gewaltsame Eingriffe des peruanischen Militärs provozierte. Oder man „suchte ein Auskommen“, wie es die Mutter Moly Checyas beschönigend umschreibt. Das Auskommen war der Koka-Anbau für die kolumbianische Drogenmafia. Mit seinen mehrfachen Jahresernten war der Verdienst aus dem Koka-Anbau höher als das, was Moly Checyas Vater als Bergmann in einer Silbermine im sehr armen Hochland verdient hatte. Mit dem Geld kam aber auch die Gewalt. Gewalt von allen Seiten. Zuerst kamen die „Terrucos“, wie die Leute auf dem Land den „Leuchtenden Pfad“ nannten: „Sie kamen und beschlagnahmten alles, was wir hatten“, erinnert sich Moly Checya. An manchen Tagen hatten die Kinder nicht mehr als eine Kochbanane und ein Ei zum Essen. Danach kam das Militär und bezichtigte sie der Unterstützung der terroristischen Organisation. Die Familie Checya traf es besonders hart. „Meine Schwester wurde von den Militärs verschleppt und ein Jahr in der Kaserne gefangen gehalten.“ Mehr möchte die sonst so redefreudige Moly Checya darüber nicht sagen. Ein Onkel von Paul Ponce, Molys Ehemann, wurde von den Terroristen ermordet. Jede Familie in der Gegend hat Opfer zu beklagen.

Ihre Mutter Paulina hat die Erinnerung an die Gewaltgeschichte verdrängt, sonst sei es schwierig, weiterzuleben. Nur wenn im Fernsehen Kriegsfilme liefen, kämen die Erinnerungen hoch, gesteht sie. Erinnerungen an die Reihen von Toten, die entlang der Straße aufgebahrt wurden. An die Massaker der Militärs und der Terroristen.

 

Die Gewalt von politisch motiviertem Terror und Gegenterror flaute Mitte der 90er Jahre langsam ab, nachdem der Anführer des „Leuchtenden Pfades“, Abimael Guzmán, in der Hauptstadt Lima gefangen genommen wurde. Der Teufelskreis der Gewalt war deswegen in Huánuco und Tingo María noch nicht gebrochen. Denn der Anbau von Koka war zwar rentabel aber illegal.

 

Dennoch begannen auch Moly und Paul als junges Paar damit, Koka anzubauen. Die Versuchung des schnellen Geldes und der Mangel an Alternativen brachte sie dazu. Bis die CORAH, die peruanische Sonderpolizei für illegalen Kokaanbau, zuerst ihre Kokafelder mit einem Entlaubungsmittel besprühte und danach die Pflanzen herausriss. Moly Checya ist heute noch empört, wenn sie daran denkt: „Das war denen ganz egal, dass wir nichts mehr zu essen hatten.“

 

Nachdem ihre Kokapflanzen zerstört waren, stand die Familie vor dem Ruin. Zugleich brachte sie aber die Wende, denn mit Hilfe des UNODC-Projektes erhielt die Familie eine echte wirtschaftliche Alternative. Unter Anleitung der Agraringenieure der UNODC begannen sie, vermehrt Kaffee für den Markt anzubauen. „Mit 2 Hektar fingen wir an, heute haben wir 27 Hektar“, sagt Moly Checya stolz. Der Anfang war schwer: Sie wussten nichts vom Anbau und sie mussten einige Jahre durchhalten, bis der Kaffee einen Gewinn abwarf. Deswegen war es wichtig, andere Anbaufrüchte nicht ganz aufzugeben oder neu anzubauen, denn der Koka-Anbau ist ganz auf Monokultur ausgerichtet. Der Aspekt der Ernährungssicherung ist ein wichtiger Teil des UNODC-Projektes, denn es dauert 1 – 2 Jahre, bis ein Kaffeehain Profit abwirft. In dieser Zeit des Wartens geben viele Familien den Versuchungen der Drogenmafia nach, die die Bauern mit lukrativen Vorfinanzierungen zu einer Rückkehr zum Koka-Anbau bewegen will. Da ist es besonders wichtig, andere Einkommensquellen zu haben. Moly Checya und Paul Ponce blieben standhaft beim Kaffee-Anbau. Das konnten sie auch, weil das Projekt der UNODC ihnen 20 Hühner, Saatgut sowie technische Unterstützung gab, damit sie ein Einkommen hatten, solange der Kaffee noch nicht erntereif war.

 

Obwohl der Kaffee inzwischen einen guten Gewinn abwirft, bauen Moly und ihr Mann Paul auch heute noch Mais, Bohnen und Bananen für den Eigenverbrauch an. Im Hühnerstall scharren 75 Hühner nach Futter.

 

Geld verdienen sie aber vor allem mit dem Verkauf von Kaffee. In den letzten Jahren war der Preis noch gut, letztes Jahr haben sie 3 Tonnen geerntet, und damit nach Abzug der Kosten umgerechnet rund 3.000 Euro verdient. Moly Checyas Sorgen sind jedoch nicht nur der fallende Preis und der um sich greifende Kaffeerost, eine Pilzart, die die Kaffeestauden befällt – sondern die Erosion der Böden. Ihre Kaffeefelder befinden sich an einem Abhang. Gleich hinter dem Haus der Familie geht es steil hinunter, bei Regen wird der Boden und damit auch der Dünger weggewaschen. Mithilfe des Agraringenieurs des Projektes der Vereinten Nationen hat sie deswegen mehrere „lebendige Barrieren“ errichtet, Reihen mit rund 30 Zentimeter hohen Holzpfählen, die eng aneinander gereiht einen Zaun bilden, der die abrutschende Erde und das Auswaschen des fruchtbaren Teils aufhalten soll.

„Heute weiß ich, wie man guten Kaffee anbaut“, sagt Moly Checya stolz. Sie ist auf das System eines kombinierten Wald- und Kaffeeanbaus – im Projekt heißt dies „Wiederaufforstungskomponente“ – umgestiegen. „Dort habe ich auch Kaffee gepflanzt“, zeigt Moly mit ihrer Machete zum nächsten Hang hinüber, auf dem sie ein weiteres Kaffeefeld betreibt. Mit der kombinierten Anbaumethode soll die Erosion der Böden verhindert und zugleich der Wald aufgeforstet werden. Wenn der Kaffee im Schatten der Bäume wachsen kann, ist zudem der Ertrag höher und der Wasserhaushalt wird gefestigt.

 

Da der Kaffeepreis im letzten Jahr gefallen ist und der Kaffeerost den Pflanzen immer mehr zusetzt, wollen Moly Checya und ihr Mann Paul Ponce im nächsten Jahr auch mit dem Anbau von Kakao beginnen, eine weitere Komponente des integralen Projektes des UNODC. Der erzielt momentan einen höheren Marktpreis. „Wir bereiten gerade die Felder dafür vor.“

 

Einen Teil ihres Kaffees verkauft Moly an die Kooperative Bio-Azul. Einen anderen Teil jedoch trocknet und mahlt sie für den Direktverkauf. Da sie direkt an der Fernstraße wohnt, die vom Hochland in den Regenwald hineinführt, wirft ihr Verkaufsstand gute Erlöse ab. Er befindet sich vor dem benachbarten Haus ihrer Eltern. Auf einfachen Holzgestellen stehen Tüten mit gemahlenem Kaffee, aber auch handgemachte Schokolade, die sie von Kakaobauern eines anderen Dorfes beziehen. Außerdem verkaufen sie mächtige Kochbananen und Limetten, die so groß sind wie Pampelmusen. Der Verkauf läuft gut und ist um vieles lukrativer als die unverarbeiteten Kaffeebohnen an einen Zwischenhändler zu liefern. „So bekommen wir für 250 Gramm gemahlenen Kaffee rund zwei Euro.“ Für dasselbe Geld müssen sie viermal so viel Kaffeebohnen an die Kooperative liefern.

 

Moly Checya, ihr Mann Paul und ihre Eltern sitzen an einem Tisch hinter dem Stand und bieten selbst gekochten Kaffee aus eigener Ernte an. Dabei sind auch die zwei Töchter des Ehepaares. Die 13-jährige Tochter Zarai geht noch zur Schule und möchte später mal Bauingenieurin werden. Die 20-jährige Jennifer studiert bereits Umweltingenieurwesen im nahen Tingo María. Moly selber konnte gerade mit Mühe und Not 6 Jahre zur Schule gehen. Niemand aus der Familie bereut es, den Kokaanbau aufgegeben zu haben: „Jetzt leben wir in Frieden, haben ein gutes Einkommen und unsere Kinder können zur Schule und zur Universität gehen“, sagt Moly.