„Speed Limits“ Studie findet international Beachtung und ebnet Paradigmenwechsel den Weg

Aktuelles

18.12.2019

Obwohl der Konsum von Stimulanzien weltweit zunimmt, wurde bisher kaum erforscht, wie sich schadensminimierende Maßnahmen auf seine Risiken auswirken. Die Globale Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung (Global Partnership on Drug Policies and Development, GPDPD) finanzierte daher 2018 eine Studie, die erfolgreiche Beispiele aus fünf Kontinenten und über 1.500 Fachaufsätze auswertet.

Deckblatt Speed Limits

Obwohl der Konsum von Stimulanzien weltweit zunimmt, wurde bisher kaum erforscht, wie sich schadensminimierende Maßnahmen auf seine Risiken auswirken. Die Globale Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung (Global Partnership on Drug Policies and Development, GPDPD) finanzierte daher 2018 eine Studie, die erfolgreiche Beispiele aus fünf Kontinenten und über 1.500 Fachaufsätze auswertet. Dass sie 2019 auch ins Portugiesische übersetzt und im Dezember in Brasilien vorgestellt wurde, verdeutlicht einmal mehr die weltweit positive Resonanz unter den Expert*innen auf „Speed Limits“ – und jetzt „Limites da Correria“

Wer regelmäßig psychoaktive Drogen zu sich nimmt, riskiert eine Reihe von schwerwiegenden mentalen, psychischen und physischen Schäden. Konsument*innen können Psychosen & Depressionen entwickeln, massiven Gewichtsverlust und Herz-Kreislauferkrankungen erfahren. Weil immer mehr Menschen psychoaktive Drogen konsumieren, sind auch immer mehr Menschen diesen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Aus dem aktuellen Weltdrogenbericht geht hervor, dass 2017 68 Millionen Menschen Kokain, Methamphetamine und andere Stimulanzien zu sich führten.

Von den Auswirkungen sind nicht nur die Konsument*innen, sondern auch deren Angehörige und die gesamte Gesellschaft betroffen. Notwendig sind Formen der Schadensreduzierung, die die vielschichtigen negativen Folgen des Konsums eindämmen. Im Fokus stehen dabei das Wohl des Einzelnen und die Förderung der öffentlichen Gesundheit.

Forschung hinkt der Realität hinterher

Während Schadensminimierung für Menschen, die sich Drogen injizieren, ein gut aufgestelltes Forschungsgebiet ist, hinkt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Stimulanzienkonsum der Realität hinterher. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) trägt die GPDPD dazu bei, diese Lücke zwischen dem Wissensstand und den drängenden und weltweiten Herausforderungen zu schließen. Sie beauftragte die richtungsweisende Studie „Speed Limits – Harm Reduction for People who use Stimulants“. Darin systematisiert die niederländische Stiftung MAINline erstmals die bestehende Literatur zu dem Thema und vergleicht zusätzlich die Umsetzung von schadensminierenden Maßnahmen für Stimulanzienkonsument*innen in über 30 Ländern. Ausführlich werden sieben Fallstudien aus fünf Kontinenten betrachtet. Ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung 2018 wurde „Speed Limits“ nun ins Portugiesische, „Limites da Correria“, übersetzt und am 09. Und 10. Dezember 2019 von der Free School of Harm Reduction in Recife, Brasilien, der Fachöffentlichkeit vorgestellt

Infographic Speed Limits

Drogenkonsum findet in keinem gesellschaftlichen Vakuum statt

Die „Speed Limits“ Studie ist auch deshalb so wichtig, da sie einem Paradigmenwechsel den Weg ebnet. Die zentrale Erkenntnis aus der Studie ist, dass Drogen nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum, sondern unter bestimmten rechtlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen konsumiert werden. Arbeitslosigkeit, (familiäre) Gewalt, Obdachlosigkeit, staatliche Repression und viele weitere Faktoren beeinflussen maßgeblich, ob jemand sein eigenes Konsumverhalten und damit verbundene Folgen kontrollieren kann. Lösungen müssen deswegen strukturell angelegt sein und gleichzeitig auf die individuelle Situation der Konsument*innen eingehen. Immer wieder wird die Studie in internationalen Fachkreisen zitiert. So werden im renommierten Harm Reduction Journal Artikel veröffentlicht, die auf Fallbeispiele aus der Studie eingehen. 

Nach Analyse von 1.500 Publikationen unterteilt die Studie das Feld in zwölf schadensminimierende Strategien für Menschen, die Stimulanzien konsumieren. Es braucht niedrigschwellige Angebote – solche, die nicht an Vorbedingungen wie Abstinenz von der Droge geknüpft sind –, die nicht abschrecken und Menschen dabei unterstützen, Autonomie und Selbstachtung zurückzuerlangen. Drogenkonsumräume, erste Anlaufstellen und (Online-)Selbsthilfeprogramme leisten hier einen wichtigen Beitrag. Da Drogenkonsum oftmals auch mit psychischen und sozialen Problemen verknüpft ist, sollten entsprechende Therapieformen mitgedacht werden, um nachhaltigen Erfolg zu erzielen. Hierbei sind auch Ansätze notwendig, die speziell auf Frauen und marginalisierte Gruppen zugeschnitten sind. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit der Einrichtungen untereinander. Von einem Netzwerk, in dem sich verschiedene Angebote ergänzen, profitieren besonders die Betroffenen, die Zugriff auf umfassende Hilfsmöglichkeiten erhalten.

Wie vielfältig Schadensminimierung verwirklicht wird, beweisen die in der Studie aufgeführten Beispiele. Während in den Niederlanden sichere Konsumräume existieren, haben sich in mehreren Städten Südafrikas niedrigschwellige Selbsthilfegruppen gebildet. Im kanadischen Toronto setzt sich eine Initiative dafür ein, dass betroffene Personen neue und saubere Glaspfeifen erhalten, mit denen sie Methamphetamine und Crack Kokain ohne Verletzungsgefahren zu sich nehmen können. Besonders an selbst gebastelten Utensilien verletzen sich viele Konsument*innen. Wenn dann Pfeifen mit anderen geteilt werden, besteht das Risiko, dass sich Viren und Keime übertragen. Das staatlich finanzierte Programm zur Schadensminimierung im Norden Brasiliens konzentriert sich hingegen darauf, sichere Unterkünfte für Konsumierende anzubieten, um der steigenden Kriminalitätsrate entgegenzuwirken. Dort können sie abseits der Straße ein selbstständiges Leben führen und zurück in einen geregelten Alltag finden.

Mit Blick auf die weltweiten Zahlen der vergangenen Jahre ist auch in naher Zukunft kein Rückgang des Drogenkonsums zu erwarten. Daher ist es umso wichtiger, auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse Schäden für Konsument*innen und deren Gesundheit zu mindern. Durch die Studie leistet GPDPD dazu einen wichtigen Beitrag. Weiterhin bedarf es jedoch mehr Forschung sowie politisches und finanzielles Engagement, um Schadensminimierung für Konsumierende von Stimulanzien erfolgreich und flächendeckend umzusetzen.

Die Studie steht kostenlos auf Englisch zum Download zur Verfügung.

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